Selbstvermarktung im Internet lässt Menschen oft größer wirken, als sie aus der Nähe sind. Ein Land der Scheinriesen. Aus der Ferne grüßt Herr Tur Tur. Doch anders als Herr Tur Tur haben die Netz-Scheinriesen manchmal Angst vor Nähe, denn dann zeigt sich ihr wahres Format.

Jim Knop Herr Tur Turf und Lukas der Lokomotivführer treffen in der Wüste einen Mann, der aus der Entfernung riesenhaft wirkt und dann, wenn er zum Anfassen näher tritt, auf Normalgröße schrumpft. Herr Tur Tur, ein Scheinriese: „Je weiter entfernt ich bin, desto größer sehe ich aus. Und je näher ich komme, desto mehr erkennt man meine wirkliche Gestalt.“

1960, als das Kinderbuch von Michael Ende erschien, war der Scheinriese noch ein einzigartiges Phänomen. Doch im Internet wäre Herr Tur Tur nicht allein. Allumfassendes Selbstmarketing auf Webseiten und in Social Media bringt die Menschen zum Scheinriesentum. Ganz freiwillig.

Die Möglichkeit, ein eigenes, selbstbestimmtes Bild von sich zu gestalten, ist ja auch verlockend. Ich habe nichts gegen Scheinriesen, bin ja selbst einer. Sie auch? Es macht ja auch Spaß, sich zu erfinden.

Coaching-Frage: Wie wollen Sie aus der Ferne gesehen werden?

Wir können unsere Stärken betonen, mit Ressourcen glänzen, Ideen verbreiten, uns mit ganz vielen Freunden und Kontakten schmücken. Der Entwicklungsprozess unseres Selbstmarketing-Avatars ist spannend und lehrreich. Im Coaching geht es bei solchen Themen grundsätzlich um die Fragen: Worauf legen wir den Fokus? Wen sprechen wir an? Wie wollen wir von anderen beschrieben werden? Wie wollen Sie aus der Ferne gesehen werden?

„Vor den beiden staunenden Freunden stand ein magerer alter Mann mit einem feinen und gütigen Gesicht. ‚Guten Tag!’, sagte er und nahm seinen Strohhut ab.“ So stellt sich Herr Tur Tur den Besuchern in der Wüste vor. Und dann erzählt er die traurige Geschichte seiner Einsamkeit. Denn Scheinriesentum schafft Distanz – und Angst bei jenen, die nur den Riesen sehen.

Die Angst vor der Schrumpfung

In der Selbstmarketing-Kultur des Internet gibt es auch die Angst die Scheinriesen selbst – vor dem radikalen Schrumpfungsprozess, wenn sie sich es bei der Selbstdarstellung übertrieben haben, oder wenn ihre Web-Persona so gar nicht zu ihrem Leben in der Fleischwelt passt.

Im Coaching hilft die Geschichte vom Scheinriesen wunderbar bei der Positionierung und dem – notwendigen – Selbstmarkting. Denken Sie mal “Bigger Than Life” – was wollen sie dabei vergrößern? Wie können Sie halten, was das ganz große Bild verspricht? Was ist der nächste Schritt, um dieses Big Picture tatsächlich zu füllen? Und wie schaffen Sie Nähe, wenn Sie so groß auftreten?

Schweinzwerge im Netz mit wahrer Größe

Es werden bei Jim Knopf übrigens auch Scheinzwerge erwähnt. Im Internet leben nur ganz wenige davon. Neulich habe ich einen entdeckt: Ferdinand von Schirach (www.schirach.de), ein von mir sehr bewunderter Autor und Web-Minimalist. Er kann es sich leisten.

Doch auch für Normalos lohnt sich das Nachdenken über die Frage:

Wenn man Ihr Scheinriesen-Bild reduziert, abspeckt und einkocht: Welches Originalformat, welche Qualität, welcher Geschmack bleibt als Essenz?